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Was versteht man eigentlich unter “Barockreiten” ???

Bis zum 18. Jahrhundert war die Reiterei hauptsächlich eine Gebrauchsreiterei zu Zwecken des Krieges. Damals hatte das Ausbildungsziel eines Pferdes einen sehr praktischen Charakter. Es musste schnell, wendig und absolut gehorsam sein - das Überleben im Kampf hing davon ab. Ein sofortiges Reagieren auf feinste Hilfengebung war lebensnotwendig.

Dieser Aspekt findet auch heute noch in der Ausbildung des Stierkampfpferdes Anwendung. Auch hier ist die feine, kurze und deutlich aufgefasste Hilfengebung unumgänglich, um Unfälle vermeiden zu können.

Erst nach 1700 verlor die Waffenreiterei auf dem Schlachtfeld langsam ihre Bedeutung. Im ausgehenden Barock des 18. Jahrhunderts war die Reitkunst längst kein Kriegshandwerk mehr sondern wurde ein reines Vergnügen des Adels in seiner Vollendung für die Kunst selbst ausgeübt.

In der heutigen Zeit hat der Begriff Barockreiten eine etwas andere Bedeutung als damals: Wir verstehen heute darunter eine Art der Reiterei, die hauptsächlich auf den so genannten Barockpferden (Lusitanos, Andalusiern, Lipizzanern, Friesen usw.) ausgeführt wird. Diese Art der Reiterei wird heute noch in Portugal, Spanien und Italien gepflegt. Sie basiert auf einer Leichtigkeit, welche die Sensibilität des Pferdes erhalten und seine Muskulatur stärken und formen soll, damit es den Reiter besser tragen kann und dabei gesund erhalten wird.

Elemente der hohen Schule - wie Piaffe und Passage - und zirzensische Lektionen wie z. B. das Kompliment oder der Spanische Schritt sind ebenfalls Bestandteile dieser Reitweise.


Expertenforum

Unterschied Barock- und Sportreiterei

Auszug aus einem Vortrag von J. Zimmermann anlässlich des Expertenforums pferdegerecht, Equitana 2007 -

Gibt es wirklich einen Unterschied, oder ist gutes Reiten überall gleich? Oder ist es eine Gesinnung und ein Gefühl bestimmter Reiter, entstanden aus einer Frustration, die oft vorherrscht in deutschen Reitschulen?

Was ist denn eigentlich Barockreiten – oder besser: was war es?

Man kann das Zeitalter definieren: 1600 – 1750. Im Jahr 1751 starb Francois R. de la Guerniere, der wohl bekannteste Ausbilder dieser Zeit. Er spricht von einem denkenden Reiter, der die Anatomie und Verhaltensmuster des Pferdes kennt und sie für seine Arbeit nutzt. Reiten im Barock war feine Lebensart und dem Adel und Wohlstand vorbehalten. Eleganz des Reiters geht oft verloren, wenn man aus einem Pferd möglichst viel Beeindruckendes herauszuholen versucht. Erzwungenes und Unverstandenes ist niemals schön. Hohe Schule Lektionen waren zur Gymnastizierung des Pferdes gedacht. Die Reiterhilfen sollten mehr und mehr minimiert werden. Das Gleichgewicht, das angestrebt wird, ist die Versammlung. Die Dressur war kein Selbstzweck sondern Trainingsmethode.

Der Reitstil zeichnete sich durch einen tiefen Sitz aus mit langem Bein, das leger am Pferd lag. Es wurde kaum Schenkeldruck ausgeübt, das heute übliche Treiben war verpönt. Die Pferde wurden fein ausgebildet. Es wurde einhändig, blank oder mit Unterlegtrense in linker Hand geritten, wobei die Trensenzügel durchhingen, und man hielt lediglich ein Weidendstöckchen, welches in die Luft stand. Versammeltes Reiten am losen Zügel war erwünscht, leichter Kontakt zum Pferdemaul, möglichst nur das Gewicht des Zügels. Das Pferd wurde hauptsächlich über Gewichtshilfen geritten und es wurde darauf trainiert, unter den Schwerpunkt des Reiters zu treten. Die Ausbildungsstufen waren zuerst die Förderung von Schritt und Trab – dann die Seitengänge, denn jeder festgehaltene Rückenmuskel wird durch willige Aufnahme des inneren Hinterbeins beseitigt – dann die Piaffe (sie war Grundlage für Schulen über der Erde) – der Galopp wurde erst geübt, wenn ein Pferd Kraft und Muskeln hatte, sich selbst zu tragen und in Selbsthaltung piaffieren konnte. Die Ausbildung begann erst mit 5 oder 6 Jahren, und sie begann zuerst an der Hand. Pferde wurden viel älter als heute, oft über 40 Jahre. Natürlich gab es auch hier schlechte Reiter, scharfe Gebisse und Sporen und auch Grobheiten.

Die Pferde sollten Adel, Ausdruck, Harmonie zeigen, dann wird aus Reiten Kunst. Sobald ein Pferd das Ausbildungsniveau erreicht hat, dass es sich leicht versammeln lässt (im Rücken losgelassen ist) und Hankenbeugung zeigt, werden Schenkel und Zügelhilfen aufgegeben ohne Einbuße bei Schwung, Rhythmus und Takt.

 

Warum Turniere bei den Barocken?

Wenn all das unser Anstreben ist, warum dann Turniere? Wird die Barockreiterei dadurch nicht auch wieder zum Sport?

Auch im höfischen Zeitalter gab es Wettbewerbe, in denen man sich messen konnte. Sie waren ursprünglich dazu erdacht, um die Ausbildung des Pferdes und des Reiters zu überprüfen, und als krönenden Abschluss zu zeigen, dass das Pferd korrekt ausgebildet wurde.

!!! Die Dressur ist für das Pferd da, und nicht das Pferd für die Dressur !!!

Auch wir, die wir das barocke Reiten pflegen, wollen uns überprüfen lassen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Das Reiten, die Kunst sollten im Vordergrund stehen und nicht das Pferd oder die Qualität des Pferdes. Wir wollen Ausstrahlung, Harmonie, Leichtigkeit und Lebensfreude sehen. Wir wollen dem Reiter mehr Beachtung schenken. Es sollte also bei den Grundlagen der Dressur kein Unterschied bestehen, sie basieren auf den gleichen Meistern, und die geschichtliche Entwicklung ist nicht nur an ein Land gebunden.

"Sie gedeiht und blüht überall, wo sich Menschen finden, die sie lieben und für sie leben und es zugleich verstehen, sie zur Wirkung zu bringen und dieser Kunst so viel Ausdruck zu verleihen, dass sie in gleicher Weise den Fachmann interessieren als auch den Schönheitsliebenden begeistern" (Podharsky).

Barockreiten heute ist eigentlich eine Modeerscheinung. Sie entstand aus einer Unzufriedenheit von Reitern, die die pferdeverschleißende und kraftaufwändige Dressurmethode nicht mehr akzeptierten. Sie wollten aber mehr als nur spazieren reiten, nämlich gepflegt in Harmonie mit dem Pferd Dressur reiten mit höchsten Ansprüchen, denn Dressur soll dem Pferd helfen, gesund zu bleiben, den Reiter zu tragen und uns dazu zu verhelfen, schöne zufriedene Pferde zu besitzen.

Zum Schluss ein Zitat von Freddy Knie: "Dressur sollte sichtbar gewordene Liebe sein".


  Letzte Aktualisierung: 09.02.2009

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